Angst bei Katzen – ein Gefühl mit vielen Facetten

Ängste und vorsichtiges Verhalten dienen nicht nur dem Menschen als Selbstschutz bei Gefahren und Bedrohungen – auch Katzen tragen diesen Schutzmechanismus in sich. Die Chancen gesund und unversehrt zu bleiben oder schließlich zu überleben werden dadurch erhöht. Ängstliche und zurückhaltende Tiere haben in der freien Wildbahn meist eine höhere Lebenserwartung im Gegensatz zu besonders wagemutigen Exemplaren. Ein gewisses Maß an Angst und Zurückhaltung ist dementsprechend durchaus sinnvoll und wichtig.

Auf der anderen Seite kommt es leider nicht selten vor, dass Angstverhalten in übermäßigen und ungesunden Maßen auftritt und so die Lebensqualität von betroffenen Tieren massiv beeinträchtigt. In diesen Fällen spricht man von einer Angststörung und viele Katzenbesitzer fühlen sich machtlos, weil sie nicht mehr weiter wissen. Dazu kommt, dass Ängste meist expandierend sind. Das heißt,  bestehende Ängste weiten sich weiter aus, solange sich im Umfeld nichts ändert.

Gibt es einen Unterschied zwischen Angst oder Furcht?

Gleich zu Beginn möchte ich auf zwei wichtige Unterscheidungskriterien hinweisen, denn Furcht und Angst der Katze werden häufig miteinander verwechselt und umgangssprachlich oft als Synonyme verwendet. Diese Emotionen treten aber auf unterschiedliche Weise zutage und sollten daher begrifflich voneinander getrennt werden.

Furcht bezieht sich auf etwas Konkretes. Es gibt einen identifizierbaren auslösenden Reiz auf den die Katze aktiv reagiert. Die Katze fürchtet sich zum Beispiel vor einem weinenden Kind, vor einer raschelnden Plastiktüte etc. Dabei ist die Katze noch in der Lage vor diesem furchtauslösenden vermeintlich gefährlichen Reiz zu flüchten oder anzugreifen, wenn das Objekt zu Nahe ist und Flucht unmöglich erscheint. Sobald die Gefahr außer Sichtweite ist, verhält sich die Katze wieder wie gewohnt.

Angst zeichnet sich im Gegensatz dazu, durch eine heftige Verhaltensreaktion einer unbestimmten Bedrohung aus. Die Katze ist vom Unbehagen völlig überwältigt, weiß aber nicht aus welcher Richtung die Bedrohung kommt, wann oder auf welche Weise die Gefahr auftreten wird.  Dabei kommt es zu einer Lähmung des gesamten Verhaltens der Katze und sie wird nahezu handlungsunfähig. Kontakte zu Artgenossen oder gar Nahrungsaufnahme spielen in diesen Situationen keine Rolle mehr.

Generalisierung von Ängsten

Leider können sich Ängste auch generalisieren. Das bedeutet, dass nicht nur jener Reiz, der für die Angst ursächlich war, diese auslöst, sondern auch schon eine Vorahnung des Reizes. Wenn beispielsweise eine Katze Angst vor einem bestimmten Mann der öfter zu Besuch kommt hat, kann die Angst expandieren. Sie generalisiert sich erst mal auf alle Männer und später sogar auf alle Besucher, egal ob männliche oder weibliche Personen.

Woher kommt die Angst?

Es gibt viele unterschiedliche Gründe, die zu einer Ängstlichkeit bei der Katze führen. Oft spielen sogar mehrere Faktoren zusammen eine ausschlaggebende Rolle.

Ein typischer Faktor, der ursächlich für die Neigung zu Angstverhalten sein kann, ist das Aufwachsen der Katzenjungen in einer reizarmen Umgebung. Wenn eine Katze im Laufe ihrer Entwicklung nicht in ausreichendem Maße oder auch nicht auf die richtige Art und Weise an bestimmte Objekte, Geräusche und Reize gewöhnt wird, können diese bei späterer Konfrontation Angst auslösen.

Allerdings kann auch ein „Zuviel“ an Reizen in der sensiblen Phase der Entwicklung dazu führen, dass die Katze später mit Ängsten reagiert. Ebenso können negative Erlebnisse beispielsweise mit Kindern, Menschen oder anderen Tieren in den ersten Wochen verheerende Folgen haben.

Als Ursache für Ängste sind aber auch eine zu frühe Trennung von der Mutterkatze, genetische Einflüsse, altersbedingte Ängste, hormonelle oder organische Erkrankungen, Veränderungen im Umfeld der Katze, Bestrafungen oder ein ungewolltes Verstärken der Angst durch den Katzenbesitzer, nicht unerheblich.

Gerade bei Angststörungen empfiehlt es sich im Vorfeld der Therapie, einen umfangreichen Gesundheitscheck durchführen zu lassen, um allfällige Schmerzen und Vorerkrankungen des Stubentigers ausschließen zu können.

Wie erkennt man eine ängstliche Katze?

Ängste werden von Symptomen begleitet, die sowohl körperliche, als auch psychische Folgen nach sich ziehen. Befindet sich eine Katze in einem Zustand der Angst oder wird sie mit einem für sie als gefährlich empfundenen Reiz konfrontiert, treten physiologische Veränderungen auf und es tut sich einiges im Körperinneren.

Der Hypothalamus alarmiert den gesamten Körper der Tiere. Nebennieren setzen Adrenalin, Noradrenalin sowie Cortisol frei. Puls- und Atemfrequenz erhöhen sich. Damit steigt das Herzzeitvolumen schnell an. Auch nach außen zeigt die Katze Angstverhalten. Die Pupillen erweitern sich, die Katze macht möglicherweise einen „Buckel“, die Ohren sind flach an den Kopf angelegt und zeigen nach hinten, die Gliedmaßen sind angewinkelt, der Schwanz wird unbeweglich und ist herabhängend. Zusätzlich meidet sie Blickkontakt. Möglich sind auch Zittern, Lippenlecken, Maulatmung, aufgestellte Haare auf dem Rücken und dem Schwanz, unkontrollierte Abgabe von Urin und Kot, spontanes Entleeren der Analdrüsen und/oder feuchte Pfoten. Manche Katzen zeigen auch Lautäußerungen oder schlucken häufiger als sonst.

Jede Katze zeigt ein anderes Reaktionsverhalten bei Ängsten. Manche verkriechen sich unter dem nächsten Möbelstück, flüchten und wollen jegliche Konfrontation vermeiden, andere frieren regelrecht ein und erstarren, andere probieren Ablenkungsmanöver und wiederum andere Katzen versuchen nach „vor zugehen“ und starten einen Kampf und werden aggressiv. Allen Katzen gleich ist aber, eine gesteigerte Aufmerksamkeit und eine allgemeine Schärfe der Sinne.

Ängste bei Katzen werden leider oft nicht richtig wahrgenommen, ignoriert oder als Lappalien abgestempelt. Vielen Katzenhaltern ist häufig auch nicht bewusst, dass sie eine ängstliche Katze zu Hause haben. Gerade bei Katzen, die der Mensch gerne als „zickig und böse“ beschreibt, sollte die dahinter stehende Ursache erkannt werden – denn in den meisten Fällen handelt es sich um Unsicherheiten, mit der die Katze nicht umgehen kann.

Zu den zuvor genannten Symptomen kann ein kontinuierlicher Angstzustand zu einer Veränderung der gesamten Verhaltensmuster der betroffenen Katze führen. Katzen, die an einer Angststörung leiden, zeigen häufig auch einen reduzierten Appetit, Unsauberkeitsprobleme, Aggressivität gegenüber dem Besitzer oder anderen Katzen und Tieren, sind weniger sozial oder neigen zu zwanghaftem Verhalten. Meist spielen, als „ängstlich“ bezeichnete Katzen auch weniger und sind zurückhaltender. Auffallend ist auch, dass chronische Angstzustände einer Katze den Schlaf rauben. Ein Teufelskreis beginnt, denn es handelt sich dabei um einen Prozess, der sich gegenseitig aufschaukelt. Stress verursacht Schlafstörungen und Schlaflosigkeit verursacht wiederum Stress.

Wie kann man ihr helfen?

Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten die Lebensqualität einer ängstlichen Katze (wieder) zu erhöhen. Pauschale Tipps können zwar Hilfestellungen geben, eine professionelle Therapie orientiert sich jedoch immer an dem Einzelfall, dem gegebenen Umfeld sowie an der jeweiligen individuellen Mensch-Katzen Beziehung. Trotzdem seien hier nachfolgend Anregungen erwähnt, die als Grundlagen einer erfolgreichen Angstbewältigung bei der Katze gesehen werden sollen. Im Allgemeinen stehen bei unsicheren und ängstlichen Stubentigern vertrauensbildende Maßnahmen an oberster Stelle einer erfolgreichen Verhaltenstherapie.

Vertrauensbildende Maßnahmen

Vertrauen bildet das Maß und die Basis aller Beziehungen. Hat eine Katze Vertrauen zu Menschen, oder besonders zu „ihren“ Menschen, fällt es der Katze leichter Ängste zu überwinden. Ziel beim Beziehungsaufbau sollte sein, der Katze zu lernen, dass die Welt trotz angstauslösendem Reiz in Ordnung ist, wenn ihre Bezugsperson anwesend ist.

Selbstbewusstsein

Egal ob die Katze nur schüchtern ist, in bestimmten Situationen ängstlich reagiert oder eine massive Angstreaktion zeigt, Maßnahmen zur allgemeinen Persönlichkeitsstabilisierung können enorm helfen. Das Selbstbewusstsein einer Katze lässt sich gut durch Auslastungs- und Beschäftigungsrituale stärken. Die Katze bekommt ein sichereres Körpergefühl und die Zeit in der die Katze aktiv dazu aufgefordert wird, sich zu bewegen oder sich geistig anzustrengen, reduziert nämlich auch die Zeit, in der sie sich sonst in Ängste hineinsteigert. Zusätzlich wird durch regelmäßige Auslastung Serotonin im Körper der Katze gebildet, was wiederum für eine ausgeglichene Gemütsverfassung sorgt. Schnelle, wilde Jagd – und Rennspiele sind optimal zum Auspowern. Gezielte „Kopfarbeit“ mit Intelligenzspielzeug oder mit Clickertraining sorgen für geistige Auslastung. Der Halter kann der Katze durch Erfolgserlebnisse beim Training helfen, außerhalb der Angst sicherer zu werden: Für manche Katzen ist das Auffinden versteckter Katzensnacks in der Wohnung so ein Erfolgserlebnis, dass sie dabei sogar angstauslösende Reize um sich vergessen.

Entspannung tut gut

„Angstkatzen“ produzieren vermehrt Stresshormone. Damit die Katze vom erhöhten Stressniveau auch wieder runterkommen kann, sollten ihr mehrere Rückzugsgebiete für Auszeiten zur Verfügung stehen. Auszeiten vom Menschen und ebenso von anderen Haustieren im Haushalt sind sehr wichtig für gestresste Katzen. Die Plätze sollten so gewählt werden, dass die Katze nicht befürchten muss, dort entdeckt zu werden. Für uns als Mensch ist es auch sehr wichtig, dass man die Katze am Rückzugsort nicht stört. Das sollte wirklich als „Tabuzone“ für uns Menschen betrachtet werden. Dies trägt auch zum Vertrauensaufbau bei.

Ebenso förderliche Entspannungsmaßnahmen sind Massagetechniken, Tellington Touch, Akupressur, oder auch Akupunktur, denn nicht selten haben gerade ängstliche Tiere eine verspannte Nacken- und Rückenmuskulatur. Auch der Einsatz von Geruchsstimuli im Haushalt, wie zum Beispiel Katzenminze, Baldrian oder Geruchspheromonen kann der Katze dabei helfen, einfach mal locker zu lassen.

Mitleid oder Mitgefühl

Viele Menschen fühlen sich beim Anblick ihrer verängstigten Katzen schlecht und haben Mitleid für die oftmals jämmerlichen Geschöpfe. Das ist natürlich verständlich und absolut menschlich. Eine Verbesserung des Verhaltens rückt aber genau dadurch oftmals in weite Ferne. In diesem Zusammenhang möchte ich ein typisches Beispiel beschreiben, welches mir schon öfters begegnet ist: Eine Katze zieht in ein neues Zuhause ein. Zum Entsetzen der Halter verzieht sich der neue Stubentiger aber geradewegs unter das Sofa – obligatorische Erkundungstour? Fehlanzeige! Etliche Versuche der Halter ihr neues Familienmitglied hervorzulocken scheitern. Am nächsten Morgen werden die Menschen nervös und die Sorge wächst, weil die Katze ja noch immer nichts gefressen hat. Schließlich wird ein Napf mit Futter gefüllt und dieser unter das Sofa – ganz zurück in den letzten Winkel zur Katze – geschoben. Durch diese emotional geprägte und durchaus nachvollziehbare Handlung wird dem verängstigten Stubentiger jedoch gleich zu Beginn ein riesiger Anreiz genommen, sich selbst aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Die Devise sollte viel eher lauten: Zeigen Sie Mitgefühl, aber haben Sie – so gut es geht – kein Mitleid! Ihr Stubentiger wird es Ihnen danken.

Unsicherheiten bei fremden Menschen

In der Praxis zeigt sich sehr oft, dass eine Vielzahl der Samtpfoten große Unsicherheiten und Ängste zeigen, wenn sich Besuch ankündigt.

Damit unsichere Katzen Vertrauen zu fremden Menschen aufbauen können, ist es in erster Linie wichtig, die Katze in keinster Weise zu Bedrängen oder ihr zu viel zuzumuten. Anfassen und Festhalten der Katze, sollte sowohl vom Halter, als auch von Besuchern unterlassen werden. Der schüchternen Katze sollte die Möglichkeit gegeben werden, von selbst die ersten Schritte auf den Menschen zugehen zu können.

Viele Menschen haben große Probleme damit zurückhaltend und geduldig zu sein, und nehmen schließlich die Katze auf den Arm und halten sie Besuchern förmlich vor die Nase. Zwangsbeglückungen verstärken die Angst nur mehr und sollte unterlassen werden!

Unsichere Katzen fühlen sich gerade in solchen Situationen am wohlsten, wenn man ihnen das Gefühl gibt „unsichtbar“ zu sein. Das bedeutet für den Menschen: die Katze nicht offensichtlich anschauen oder ansprechen, sondern ihr Verhalten nur beiläufig wahrnehmen. Hilfreich ist, wenn man sich auf den Boden setzt oder in die Hocke geht und der Katze bewusst den Rücken zudreht. Ganz „zufällig“ kann man ein Baldriankissen oder besonders gute Leckerbissen fallen lassen, um die beginnende Neugier zu verstärken. Die meisten Katzen werden dann zunehmend mutiger und setzen ihren Geruchssinn ein. Kommt die Katze näher sollte man jetzt auf keinen Fall den Fehler begehen, die Katze aktiv zu locken. Lässt die Katze Körperkontakt zu, kann mit vorsichtigem Streicheln begonnen werden. Es ist ratsam, wenn der Mensch bereits nach sehr kurzen Streicheleinheiten (wenige Sekunden!) die Handlung wieder unterbricht. Also aufhören, wenn es am Schönsten ist.

Bei manch unsicherer Katze kann man dabei zusehen wie das Vertrauen wächst, wenn sich Menschen plötzlich anders verhalten.

Objektbezogene Furcht

Eine Angst vor Gegenständen entwickelt sich meist durch negative Erfahrungen, die mit dem jeweiligen Gegenstand in Verbindung gebracht werden. Beispielsweise kommt es vor, dass sich Katzen vor dem Staubsauger fürchten. Die Furcht vor dem unheimlichen Objekt wird ergänzt durch die typische Geräuschkulisse. Verhaltenstherapeutisch empfehle ich in solchen Fällen oftmals, systematische Desensibilisierung in Verbindung mit einer Gegenkonditionierung. Die Katze soll lernen, dass vom Staubsauger keine Gefahr ausgeht. Dazu darf in diesem Fall der Staubsauger, nicht in ausschließlich negativem Zusammenhängen verwendet werden. Der Staubsauger liegt anfangs, ohne eingeschaltet zu werden, oder sich zu bewegen, in Mitten eines Raumes. In dieser Zeit wird mit der Katze gespielt, es gibt tolle Leckerlies oder Streicheleinheiten für sie. Die positive Zuwendung endet jedoch in dem Augenblick,  in dem das gefürchtete Objekt wieder weggeräumt wird. So oder so ähnlich könnte der erste Schritt einer erfolgreichen Verhaltenstherapie bei einer objektbezogener Furcht aussehen.

Das Leben mit ängstlichen, unsicheren oder furchtsamen Samtpfoten erfordert viel Mitgefühl, Geduld und Zurückhaltung durch den Katzenhalter. Die Prognose auf eine Verbesserung der Lebensqualität ist in den meisten Fällen aber absolut möglich!

Veröffentlicht im Katzenmagazin OUR CATS (Ausgabe 11/14)